Carmen und Markus haben den Unternehmensberater Sebastian Koch zum Balkongespräch auf »balcony« getroffen. Ihr Gesprächsthema war »Soziale Nachhaltigkeit«. Genauer gesagt: Weiterbildung und lebenslanges Lernen als gesellschaftliche Verantwortung für jeden von uns.

Viel Spaß beim Zuhören.


»the balcony | the radio show«
Eine kurze Zusammenfassung dieses »Balkongesprächs« wurde im Sendeformat »Düsseldorfer Wirtschaft« auf Antenne Düsseldorf ausgestrahlt.

Balkongespräch mit Sebastian Koch | Antenne Düsseldorf | Sendemitschnitt 

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»Wir müssen begreifen, dass die Bildung die zukünftige Rente ist.«

Die drei Säulen Ökonomie, Ökologie und Soziales helfen dabei, nachhaltiges Handeln konkreter zu definieren – und in unterschiedlichen Bereichen zu leben. Heute sprechen wir mit dem Unternehmensberater Sebastian Koch über soziale Nachhaltigkeit. Dabei beleuchten wir, warum lebenslanges Lernen eine gesellschaftliche Verantwortung darstellt und was Bildung mit der Rente von morgen zu tun hat.

Markus: Sebastian, wir starten am besten mit ein paar Worten zu dir. Sag doch mal, warum dir das Thema so wichtig ist. Bildung, Nachhaltigkeit, was steckt da drin?

Sebastian: Liebe Carmen, lieber Markus, super, dass ich heute hier bei euch sein darf. Ich freue mich ganz außerordentlich auf dieses Balkongespräch. Ein paar Fakten zu meiner Person: Ich heiße Koch und wohne in Essen, von daher habe ich zu meinen Hobbies fast alles gesagt. Ich bin Vater von drei Kindern, verheiratet, habe 20 Jahre in der Unternehmensberatung gearbeitet und mich mit Fragen der Transformation und Digitalisierung auseinandergesetzt.

In dem Zusammenhang ist mir soziale Nachhaltigkeit ein großes Anliegen geworden, einfach deshalb, weil wir unglaublichen Veränderungen ausgesetzt sind. Jeder einzelne, jeden Tag. Man kann das überall beobachten. Und wenn ich mit meinen drei Kindern gemeinsam auf die Aus- und Fortbildung schaue, dann stelle ich fest, in der Schule läuft eigentlich alles wie immer. So wie bei mir damals. Das ist jetzt 30 Jahre her, aber die Art und Weise, wie unsere Kinder ausgebildet werden, hat sich nicht geändert. Es ist fast identisch zu dem, was war, als ich die Schule verlassen habe. Mich beschäftigt das sehr.

Ich glaube, dass wir eine große Verantwortung haben, Dinge zu verändern. Und zwar nicht nur, weil wir es wollen, sondern weil wir auch eine Verpflichtung haben, es zu tun. Wir müssen in der Lage sein, mit unseren Nachbarinnen und Nachbarn auf Augenhöhe unterwegs zu sein.

Im Bildungsbereich habe ich durch viele Besuche von Schulen und Bildungseinrichtungen – auch im Ausland – festgestellt, dass viele Staaten bei diesem Thema, insbesondere wenn es um Fragen des lebenslangen Lernens geht, weiter sind. Sie schreiten mit Mut voran, um Digitalisierung in ihr Leben zu übernehmen und sagen: Was kann ich verändern, was mir guttut? Was uns als Gesellschaft guttut? Und das in der Tat, Carmen und Markus, das beschäftigt mich. Jeden Tag. Und ich freue mich, dass wir heute darüber sprechen können.

Carmen: Nochmal nachgefragt, Sebastian. Was genau meinst du mit individuellem Lernen?

Sebastian: Ich glaube, dass die Technologie von heute und die Globalisierung eben auch dazu geführt haben, dass wir eine unglaubliche Fülle von Lerninhalten auf der ganzen Welt haben und der Zugang zu diesen Inhalten ist gar nicht so kompliziert. Beispielsweise kann ich mir über YouTube Tutorials zu Themen angucken, die ich noch nicht verstanden habe.

In dem Zusammenhang müssen wir mutig sein, neue Dinge in dieser Welt der Möglichkeiten auszuprobieren. Das fällt manchen vielleicht nicht so leicht. Aber viele nutzen das schon ganz natürlich. Aber wenn ich schaue, wie sich Arbeitsmärkte verändern, dann wissen wir oft nicht so genau, wohin die Reise geht. Ich glaube da kommt es ganz stark darauf an, dass wir selber in uns hineinhorchen und uns fragen: Was kann ich besonders gut und was kann ich nicht so gut?

Markus: Spannend finde ich ja das Thema Wissensvermittlung global, also, dass namenhafte Universitäten, die Kahn-Academy, Harvard das MIT, Wissen bereitstellen. Die besten Professoren halten Vorlesungen für ein Zielpublikum auf der ganzen Welt. Das sind ja unglaubliche Chancen, wenn wir das Wahrnehmen und Spaß daran haben, uns weiterzubilden. Hast du selber Erfahrungen in dem Bereich gemacht?

Sebastian: Ganz ehrlich Markus, ich bin da auch fasziniert von. Ich habe mich kürzlich für einen Kurs an der MIT eingeschrieben, wo es um das Thema künstliche Intelligenz geht. Das ist ein Onlinekurs, an dem weltweit wahrscheinlich zigtausend Menschen teilnehmen und die im Diskussionsforum Fragen stellen. Wir lernen, entwickeln uns weiter und ich finde das einfach unglaublich.

Ich komme aus einer Zeit, wo ich mein Wissen in Bibliotheken abgerufen habe und heute bewege ich mich auf einer internationalen Bühne. Und ich kann das von zu Hause machen. Ich kann bequem an meinem Schreibtisch sitzen, den Onlinediskussionen folgen und meine Arbeiten digital abgeben. Ich finde das ist ein toller Weg, um Wissen und Bildung zu vermitteln.

Carmen: Sebastian, du sagst, man muss Mut haben, sich zu verändern. Ist das eine Aufforderung für jeden? Egal, welchen Job er macht oder wie alt er ist?

Sebastian: Ja. Carmen, genauso meine ich das. Mut zur Veränderung hat immer etwas damit zu tun, dass wir erstmal verstehen – und verstehen wollen, wo wir gerade sind und wo die Reise hingeht. Das hat viel damit zu tun, dass wir uns auf eine Situation einstellen müssen, in der wir immer lernen. Und es ist völlig egal, auf welcher Altersstufe oder wo wir uns im Job befinden.

Keiner macht seine Ausbildung, schließt sie erfolgreich ab, checkt bei einem Unternehmen ein, kann sich ins gemachte Nest setzen und sagen: So, jetzt bin ich fertig! Und jetzt, bring ich das bis zur Rente! Das funktioniert so nicht. Das wissen wir eigentlich auch. Aber dennoch reicht die individuelle Verantwortung der Menschen momentan noch nicht, um mit den massiven Veränderungen zurechtzukommen.

Als ich mein erstes Smartphone in der Hand hatte, konnte ich damit gerade einmal rudimentär umgehen. Heute, zehn Jahre später, wickel ich darüber Bankgeschäfte ab, checke online in Portale ein und bewege mich in sozialen Netzwerken. Und das wird nicht Halt machen. Das geht immer weiter und es wird immer schneller werden.

Das bedeutet auch etwas für unsere eigene Bildung: Es liegt an uns, diese Dinge mitzugestalten. Das funktioniert aber nur, wenn wir bereit sind, uns nicht von allem Neuen erschlagen zu lassen, sondern es mit Mut, Begeisterung und Veränderungswillen zu begleiten und zu sagen: „Ich möchte es verstehen, ich möchte es gestalten, für mich, für mein Umfeld. Und das ist Teil der sozialen Verantwortung. Das ist Teil sozialer Nachhaltigkeit, das ist nichts, was der Staat einem aufgeben kann. Das sind wir selbst.

Carmen: Aber es passiert so viel und wir bekommen so viele neue Dinge präsentiert. Muss man alles lernen? Oder muss man eher lernen, zu selektieren was für einen wirklich interessant ist?

Markus: Also ich finde, so eine reflektierte Bewertung ist eben auch wichtig. Also: Was ist für mich persönlich essentiell und mit welchen Themen kann ich persönlich auch die Gesellschaft weiterentwickeln?

Sebastian: Ja, ich würde sogar sagen, dass wir heute noch gar nicht die Möglichkeiten verstanden haben, die uns individuelles Lernen in der technologisierten Welt zur Verfügung stellt. Wir müssen uns damit auseinandersetzen. Welche Fähigkeiten habe ich heute und welche Fähigkeiten brauche ich in Zukunft? Und diese persönliche Wissenslücke gilt es zu schließen. Es gibt unglaublich viele Angebote dazu und wir sind gut beraten, wenn wir diese Übung mit uns selbst machen.

Ich habe das vor einiger Zeit auch getan und mir die Frage gestellt: Was kann ich eigentlich schon und was kann ich nicht? Und da kann ich auch aus dem Nähkästchen plaudern. Ich war Steuerberater und die gehörten wahrscheinlich lange Zeit in der Gesellschaft nicht unbedingt zu den digitalen Pionieren. In dem Zusammenhang gucke ich heute auf die Ausbildung von Steuerfachangestellten und anderen kaufmännischen Berufen und frage mich: Was müssen wir eigentlich verändern, um denjenigen das bestmögliche Entwicklungspotential mitzugeben und die bestmöglichen Karrieren zu ermöglichen?

Und das hat viel damit zu tun, dass wir uns diese Frage selbst stellen: Weiß ich wie digitales Buchen funktioniert? Und wenn ich es mit Nein beantworte, dann muss ich mich damit beschäftigen. Im Moment stecken wir aber unglaublich viel Energie in die Verteidigung des Status quo und versuchen Dinge aufzuhalten. Doch der Zug ist mit hoher Geschwindigkeit unterwegs, ich will nicht sagen, dass er den Bahnhof schon verlassen hat, aber wir sollten uns zügig entscheiden ob wir einsteigen wollen.

Markus: Aber wir haben doch auch eine Verantwortung folgenden Generationen gegenüber, den Weg für sie zu bereiten. Unseren Kindern müssen wir doch vorleben, wie wir uns immer wieder an neue Situationen anpassen.

Sebastian: Wir müssen begreifen, dass die Bildung auf allen Ebenen die zukünftige Rente ist. Das hängt damit zusammen, dass diejenigen, die später Rente bekommen wollen, diese von Menschen mit aktivem Arbeitseinkommen erhalten. Das heißt, wir alle haben eine Verantwortung dafür, dass wir es auch zukünftigen Generationen ermöglichen, sinnvolle Tätigkeiten zu erbringen und darüber auch ein Einkommen zu erzielen, was ihnen das Leben ermöglicht, aber auch die Rente der Rentner bezahlt. Das ist einfach der Generationenvertrag den wir hier eingegangen sind. Aber ich habe im Moment den Eindruck, dass dieses Verständnis in der Gesellschaft nicht so weit gereicht ist.

Markus: Also sind wir Bewahrer und nicht Entwickler. Wir sind keine Gestalter.

Sebastian: Wir brauchen mehr Mut. Mehr Mut für Innovation, mehr Mut für Veränderung. Im Moment sind wir eher Getriebene, getrieben von Veränderung. Wir reden auch alles schlecht. Wir waren ganz lange unglaublich stolz auf die deutsche Automobilindustrie und jetzt, heißt es, ist die deutsche Automobilindustrie diejenige, die hinter den Entwicklungen zurückbleibt.

Ich stelle mir da immer die Frage: Warum gehen wir das nicht mutig an und sagen, dass wir ganz vorne sein wollen? Und genau das fängt bei Bildung an und es fängt vor allem damit an, dass wir es schlicht machen. Ja, wir sind gut darin das Problem einzukreisen, aber aufstehen, um Veränderungen herbeizuführen, das fällt uns schwer. Und da sag ich: Komm raus aus der Komfortzone! Tu etwas! Da müssen wir nicht auf große Bewegungen warten, weil Bildung tut nicht weh und kostet auch eigentlich nicht viel. Das müssen wir für uns als Chance begreifen.